Brief vom 10. Dezember 1748, von Bodmer, J. J. an Sulzer, J. G.

Ort: Zürich
Datum: 10. Dezember 1748

Mein Herr und wehrtester Freund.

Sie sollen von mir dises Jahr zwey schreiben empfangen haben, eines vom Christm. 1747 mit welchem ich ihnen den verbesserten Cimon gesandt, das andre vom 7 Febr. mit zwey liedern aus XXX. Hingegen habe ich von ihnen den brief vom 27 Febr. und den vom 12 Octob.

Wir haben also einander nicht viel vorzurüken. Nur bin ich sorgfältig wegen des Cimons, ob sie denselben auch in seiner stark veränderten gestalt empfangen haben. Sie gedenken zwar dises Cimons in ihrem briefe, aber ich kan doch nicht positive daraus lesen, ob sie den ersten Aufsaz oder den veränderten meinen. Sie hatten mir vordem geschrieben daß Naumann oder ein andrer disen Cimon in Verse übersezen wollte, welches mich besorgt gemacht, weil sein Charakter in der ersten Ebauche noch sehr mangelhaft war, daher ich ihn ein wenig besser bestimmt hatte, wiewol ich auch mit diser Verbesserung noch nicht zufrieden bin, und stets glaube, daß Cimon sprünge mache. Ich fürchte, daß irgend einer von ihren briefen zurükgeblieben. Vielleicht auch einer von meinen.

Ich habe dem Hr. Schuldheiß beym Dach für Sie zugestellt Misanthrope, den ich aus m. bücherschranke genommen, proben der schw. Poesie, Meyers Fabeln, welches das lezte Exemplar ist, Muralts, des Verf. der Lettres sur les anglois & les franc. livre sixieme fables pour les Enfans. Ist im Fragment, vielleicht der einzige. Rest. Breiting. de Consensu multitud. nebst etlichen Kinderlieben Erzählungen p. Duncias &c. Mich wird freuen, wenn sie etwas darunter finden, welches ihre schöne Übersezung von West verdanken kan.

Ich kan Hn Gleim und andern Freunden ihre nachläßigkeit wol verzeihen, insonderheit und statt an mich an das publicum schreiben. Ich fürchte daß es bey Hn Gleim auch in disem stüke fehlen wolle. Ich hatte geglaubt, daß Sie ihn den vergangenen Sommer besucht und aufgemuntert hätten.

Es ist aber schon gefehlt, wo Aufmunterungen nöthig sind. Ich habe hingegen etliche briefe von Klopstok der mich zum vertrauten seines Messias und seiner liebe machet. Was ich zum Ruhm seines gedichts thue, werden sie künftig zu sehen bekommen. Ich habe ihn im Mercure de Neufchatel sehr gelobet, ferner veranstaltet daß dises in einem Italienischen Giornal geschehe. Ich habe Mosheim und Baumgarten bitten laßen daß sie des Messias gedenken; und ich ersuche Sie gleichfalls sehr inständig, daß sie eben das in einer künftigen schrift thun, und vornehmlich Hn Sak vermögen, daß er ein kleines Elogium davon in seinem verteidigten Glauben mache.

Ich sorge noch auf andere Art für ihn. Ich lasse mir Zeugnisse geben von den Empfindungen die er bey rechtbeschaffenen Lesern gemacht hat &c. &c. Wie die Zeugnisse von der pamela sind. Von Langens Geselligem habe ich nur 20 stüke gesehen, die mir sehr mittelmässig dünken. Ich habe es ihm nicht verhalten. Wie ungeschikt hat Meyer Baumgartens Verteidigung dem Peter Squenz übergeben? Seine thiere mit ihren seelen sollten sie eben so gut gemacht haben. Mit Sucro bin ich wol zufrieden, nur könnte er poetischer seyn.

Ich lasse neue Critische Briefe druken, worunter sehr viele sind welche Briefe meiner Freunde beantworten die sie mir niemals geschrieben haben, aber vermuthlich geschriben hätten, wenn es ihnen nicht an Zeit, Muß und Lust gefehlt hätte. Es ist mir um so viel leichter die briefe meiner Freunde zu mißen. Am allerwenigsten muß man sich nöthigen mir zu schreiben damit man mich unveränderlicher Freundschaft versichere. Ich bin über disen punkt gar nicht argwöhnisch. Womit habe ich mich doch so fürchterlich gemacht, daß auch Gleim nicht mehr an mich schreiben darf weil es ihm an Wiz fehle? Habe ich jemals Argutias, acumen, Esprit, und wie das ding in allen sprachen heißt, von ihm verlanget? Oder bin ich der, [→]pro cui non liceat solœcissare? Ich wollte so wenig ⟨mürflennimis acutus, nimis ingeniosus, als nimis pulcher zu seyn. Das schiksal hat mich vor beyden gleich bewahrt.

Hr. Schuldheiß hat die meisten Eigenschaften eines mädchenfreundes, doch müssen sie ihn in diser Arbeit nicht verlassen. Wenn Hr. Bürkli nach haus schreibt, so wird Ihnen wol erlaubt seyn, ein Zedelchen beyzulegen, in welchem sie mich aus meiner unruhe wegen Cimon sezen.

Der schriftsteller nach der Mode ist mir noch nicht zu gesicht kommen, ich bin darüber ganz ruhig. Ich wünsche daß Hr. Mosheim über den Art. gegen seinen Servet eben so ruhig bliebe. Er hat einen fürchterlichern Gegner als der Dr. Baumgarten; der doch so ängstlich thut. Dise herren können nicht viel leiden, man könnte ihnen doch noch mehr vorwerfen. Baumgartens gegner ist nur ein student, aber Mosheims ist ein Genie. Adieu mon cher Amy.

Votre tres h. & fidelle
Bodmer

Zürich den 10. Xb. 1748

Überlieferung

H: ZB, Ms Bodmer 20.12. – A: ZB, Ms Bodmer 13a.

Anschrift

A Monsieur Soulzer professeur tres celebre à Berlin.

Eigenhändige Korrekturen

jemals Argutias, acumen, Esprit
jemals Argutias, ⌈acumen⌉, Esprit

Stellenkommentar

etliche briefe von Klopstok
Friedrich Gottlieb Klopstocks Briefe an Bodmer aus Langensalza vom 10. August, 21. September, 19. Oktober, 5. November und 2. Dezember 1748 (Klopstock Briefe 1979, Bd. 1, S. 13 f., 16–20, 26–31). Friedrich Gottlieb Klopstock, als Sohn eines Advokaten 1724 in Quedlinburg geboren, hatte nach seiner Schulzeit in Schulpforta und dem Theologiestudium in Jena und Leipzig, das er 1748 abbrach, eine Hauslehrerstelle bei dem Kaufmann Johann Christian Weiß in Langensalza angenommen. Zuvor waren die ersten drei Gesänge des Messias in den Neuen Beyträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes erschienen. Bodmers Einladung nach Zürich folgte er 1750. Dort kam es jedoch bald zum Zerwürfnis zwischen den beiden. 1751 reiste Klopstock nach Dänemark ab, um dort mit einer Pension des dänischen Hofes den Messias fertigzustellen. Vgl. Hurlebusch Friedrich Gottlieb Klopstock 2003.
im Mercure de Neufchatel sehr gelobet
Siehe dazu den mit »S. D. C.« (Seigneux de Correvon) unterzeichneten Brief an die Herausgeber der Neuenburger Zeitschrift und die beigefügten, vermutlich von Bodmer oder Johann Heinrich Meister verfassten Echantillons d'un Poëme Epique Allemand, dont le sujet est, La Redemptions, ou Le Messie (Journal helvétique, Dezember 1748, S. 554–573).
in einem Italienischen Giornal
Bodmer hatte Auszüge der französischen Übersetzung des Messias an seinen Briefpartner Conti di Calepio geschickt, der sie ins Italienische übersetzen und in den Novelle della reppublica litteraria publizieren wollte, wo allerdings unter dem 22. November 1749 nur eine kurze, anonyme Anzeige erschien. Vgl. Klopstock Briefe 1979, Bd. 1, S. 212.
Mosheim und Baumgarten bitten laßen
Schreiben Bodmers an Johann Lorenz Mosheim und Siegmund Jakob Baumgarten nicht ermittelt. Vgl. zu Baumgarten, den Bodmer vermutlich über Meier Anfang Dezember kontaktiert hatte, den Kommentar zu Brief letter-bs-1749-03-29.html sowie die Ankündigung des Messias durch Baumgarten in den Nachrichten von einer Hallischen Bibliothek, 1749, Bd. 3 (März), St. 15, S. 279 f.
in seinem verteidigten Glauben
Ob Sack der Forderung nachkam, konnte nicht ermittelt werden. Der 1750 erschienene siebte Teil von Sacks Vertheidigtem Glauben der Christen hat Die Lehre der heiligen Schrift von dem Glauben an JEsum Christum, als den göttlichen Erlöser der Menschen zum Thema und könnte damit unter dem Einfluss von Klopstocks Messias, den dieser Sack gewidmet hatte, stehen. Sack lernte Klopstock 1750 auch persönlich in Halberstadt kennen. Vgl. Pockrandt Biblische Aufklärung 2003, S. 43–45.
Meyer Baumgartens Verteidigung
Gemeint ist Georg Friedrich Meiers Schrift Vertheidigung der Baumgartischen Erklärung eines Gedichts, wider das 5 Stück des 1 Bandes des neuen Büchersaals der schönen Wissenschaften und freyen Künste. Mit »Peter Squenz« spielt Bodmer vermutlich auf die Barockkomödie Absurda Comica oder Herr Peter Squenz von Andreas Gryphius an.
Seine thiere mit ihren seelen
Am 14. Oktober 1748 schickte Meier seine letzte, zur Herbstmesse erscheinende Schrift, den Versuch eines neuen Lehrgebäudes von den Seelen der Thiere, an Bodmer und Breitinger. (Nowitzki Von den Seelen der Tiere und ihren Sprachen 2015, S. 343).
neue Critische Briefe druken
[J. J. Bodmer, M. Künzli], Neue Critische Briefe, 1749.
pro cui non
Übers.: »vor dem es nicht erlaubt sei, die Sprache fehlerhaft zu gebrauchen«.
Art. gegen seinen Servet
Johann Lorenz von Mosheims Geschichte des spanischen Arztes Michel Servet (auch Michael Servetus), der auf Betreiben Calvins als Ketzer enthauptet wurde, erschien 1748 als Anderweitiger Versuch einer vollständigen und unpartheyischen Ketzergeschichte. Bodmer spielt hier auf die Rezension von Mosheims Schrift in den Freymüthigen Nachrichten, 1748, St. 44, S. 345–348 an. Der Verfasser konnte nicht ermittelt werden. Vielleicht war es Bodmer selbst.
Baumgartens gegner
Gemeint ist die anonym verfasste Kritik von Siegmund Jakob Baumgartens Uebersetzung der Algemeinen Welthistorie in den Freymüthigen Nachrichten, 1748, St. 31, S. 243–248. Bodmer hatte die Kritik auch Georg Friedrich Meier übersandt. Vgl. Kommentar zu Brief letter-bs-1749-03-29.html.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann