Brief vom 29. März 1749, von Bodmer, J. J. an Sulzer, J. G.

Ort: Zürich
Datum: 29. März 1749

Monsieur le Professeur
Mon tres-cher Amy.

Dises soll nichts wizigers als ein Fuhrbrief seyn; es soll nur dienen vier stüke der neuen Critischen Briefe zu begleiten, welche Hr Geßner die gütigkeit haben will, zu einem von seinen paken nach dasiger Stadt einzuschliessen. Sie sind

für den Hn professor
für Hn von Kleist
für Hn Ramler
für Hn Sucro. Welchen Hhn allen mich zu empfehlen bitte. Ich habe Hn Gleim ein stük über Halle gesandt. Zu den Critischen Briefen habe ich etliche stüke freymüthig. Nachrichten für Sie, mein Herr, geleget; nur um eines od. zweyer Artikel willen. Ich hoffe daß Ihnen wenigstens etliche Briefe von den neuen Critischen gefallen werden, weil einige darunter von guten Köpfen geschrieben sind, von denen sie mehr sachen gelesen haben; ich darf ihnen weder die freunde, noch die briefe nahmhaft machen; sie machen sich selbst nahmhaft. Es wäre mir doch lieb gewesen wenn wir Hn Ramler hätten aufweken können. Vielleicht weket ihn der 44ste Brief ein wenig auf: Ich habe Gleims eben so wenig vergessen Brief 49.p. Wie Hagedorn das Erdmännchen aufnehmen werde, wird die Zeit lehren. Ich hoffe, er werde sich eine Ehre draus machen.

Meine Absicht in disen Briefen gieng weit mehr auf die Aufmunterung als auf die Bestrafung. Im übrigen bleibt Klopstok mein Held; er ist unter den Poeten was der Messias unter den Menschen. Der Hr. pfarrer Heß von Altstätten hält ihn für einen Poeten der nicht fehlen kann; Er hat ihn sehr tief gestudiret. Ich höre noch nicht daß ihn ein deutscher Kunstrichter geprediget habe; die deutschen heiden werden doch ohne das Wort der predigt nicht an ihn glauben; Er ist ihnen eine thorheit. Es wäre gut, daß ein Gottesgelahrter die Freiheit in einen so wichtigen Theil der Religionsgeschichte zu dichten rechtfertigte. Racine hat gesagt: la religion est si grave que la fiction la plus grave prend auprez d'elle un air de Fable qui ne peut s'allier avec la verité. Das ist allzu unbestimmt. Kan man dem System der Christlichen Religion nicht würdig dichten? Hat Klopstok dises nicht gethan? Was stöst sich mit denselben in seinem Gedichte? – Er ist wahrhaftig ein schöpferischer geist. Er hat Mittel gefunden die heil. Jungfrau mit der ersten Mutter aller lebendigen eine besonders zärtliche freundschaft errichten zu lassen. Errathen sie wie er das zuwegegebracht. Eva steht mit den heiligen von den todten auf. Maria erzählt ihr die Geburt Jesu. Maria schließt also:

[→]Und ein Schauer voll Ohnmacht befiel mich, da ward er gebohren!
Wie aus einer tiefen Entzükung erwachend sprach Eva:
Und da ward er gebohren, Maria, da ward er gebohren!
Ach Maria, der Sohn des Vaters! So sprach sie, und beyde
Sahen einander erstaunungsvoll an, und konnten nicht reden.
Sahen einander mit himmlischem Lächeln und thränendem Blick an.

Sehen sie, auch da haben wir thränen. Alles weint in disem werk, Gott, die Engel, die Menschen, die Teufel. Aber welcher poet hat noch so erhaben geweint. Der Herr Pfr. von Altstätten liebt das Gedicht um alles dises weinen nur desto mehr. Er meint das Gedicht sey gerad für seinen Individualgeschmak geschrieben worden. Ich kan die thränen dem Poeten eben nicht verdenken, [→] ἀγαθοὶ γὰρ ἀριδάκρυες ἄνδρες. Er sendet mir bißweilen kleine Fragmente, und entdekt mir etwas von seinem Plane. Ich wollte aus Curiosität daß der geistreicheste Kopf einen Plan des Messias verfassete, welchen wir künftig mit Klopstoks vergleichen könnten. Jemand hat einen scrupel, ob Klopstok dem Vater des Ischarioth nicht unrecht gethan, daß er ihn als einen Geizhals eingeführt, da er wol ein großmüthiger, gerechter, mann gewesen seyn mag. Hr prof. Meyer hat mit seiner Beurtheilung zufällige Gedanken bey einem unsrer Freunde verursacht welche disen Frühling das licht sehen sollen.

Er, (Hr prof. Meyer) meldet mir daß Hr Doctor Baumgarten den Messias in der Hallischen Bibliothek gewiß loben werde. Ein Gottesgelahrter lobet zwar nicht, wie ein Kunstrichter, doch ist allezeit gut, wenn er nur lobet. Unter den deutschen muß das beste ding zuerst gelobt seyn, bevor sie wissen, daß es da ist. Ich wollte daß ich in einer stadt mit dem poeten lebete; wie ich wollte daß ich mit Milton gelebt hätte. Aber meine umstände lassen mich nicht zu ihm; vielleicht vergönnen ihm seine zu mir zu kommen. Ich könnte nur von ihm allein schreiben.

Der junge Hr Geßner hat eine grosse liebe zu Klopstok, ich glaube nicht, daß er Deutschland verlassen werde, ohne daß er mit ihm bekanntschaft gemacht habe. Diser junge Mensch hat für einen Buchhändler zu großmüthige sentimens. Ich liebe ihn sehr, und sehe ihn für denjenigen an, der künftig das Reich des guten geschmakes durch seine drukerey stark befödern kan. Ich hoffe er werde in dasigen gegenden gute bekanntschaft mit redlichen jungen leuten von dieser profession machen, mit welchen er für beyde theile nützliche Geschäfte werde thun können. In diesem falle steht ihm zu seiner Zeit der Verlag von meinen Critischen alten und neun Werken zu Dienste und par preference. Womit noch wol etwas zu machen seyn sollte, nachdem ich nicht gewohnt bin, etwas für die Arbeit zu fodern. Ich erwarte aber auch den gefallen von ihm, daß er mir behülflich sey, die 100. oder 150 stüke, die mir aus dem orellischen verlag noch übrig ligen, abzusetzen.

Unser Freund Hr. Diacon Waser hat die succession auf die erste pfarrstelle in W. so schlechterdings ausgeschlagen, daß man nicht gutgefunden hat sie ihm aufzubürden: Er hat einen ziemlichen ansatz von Hypochondrie. Indessen hat er den Hn Frieß von Kyburg zum pfarrer bekommen, von welchem alle Winterthurer glauben er sey ihnen im Zorn gegeben worden. Ich glaube es nicht, die Vergobreten haben sonst nicht gewust was sie thun. Der neue pfarrer weiß so wol daß er Pfarrer ist, daß er drüber vergessen hat, daß er ein mensch ist. Daß er ein eitler pedant sey hat er nie gewust.

Ich muß bey diser häßlichen Stelle enden. – Ich verbleibe

Mons. mon tres cher amy
Vôtre tres h. serv.
B–r

Zürch den 29 März. 1749

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 12a.

Einschluss und mit gleicher Sendung

Vier Exemplare der Neuen Critischen Briefe für Sulzer, Kleist, Gleim und Sucro. – Freymüthige Nachrichten.

Vermerke und Zusätze

Vermerk Sulzers am oberen rechten Rand der ersten Seite: »14 sept. 49 29 Marz 49.«

Eigenhändige Korrekturen

Er hat Mittel gefunden
Er hatte L |hat| Mittel gefunden
wollte aus Curiosität
wollte dieaus⌉ Curiosität
Mensch hat für einen
Mensch isthat⌉ für einen

Stellenkommentar

44ste Brief
Von poetischen Zügen zum Lobe des Winters. In: [J. J. Bodmer, M. Künzli], Neue Critische Briefe, 1749, S. 336–342. Der Brief beschäftigt sich u. a. mit Ramlers Gedicht Sehnsucht nach dem Winter und ist als Appell formuliert, dass Ramler »öfters in den anmuthigen Gefilden des Helikons spazieren« gehen, also mehr dichten und publizieren soll.
Brief 49.p.
Von artigen Verbesserungen an einem Sonette des Zappi, in: ebd., S. 366–369, hat Gleims Die Liebesgötter (nach Pazzi) zum Gegenstand.
das Erdmännchen
Die Erzählung Das Erdmännchen im 74. Brief der Neuen Critischen Briefe, S. 474–506. Darin sind Auszüge bzw. Vorabdrucke aus der Manessischen Liederhandschrift wiedergegeben.
Racine hat gesagt
Übers.: »Die Religion ist so ernsthaft, dass die ernsthafteste Fiktion neben ihr wie eine Fabel aussieht, die mit Wahrheit unvereinbar ist.« Das Zitat stammt aus Louis Racines La Religion, Poëme, 1742, S. xiii. Bodmer dürfte das Zitat vermutlich auch aus einer Rezension von Racines Schrift in der Zeitschrift Bibliothèque françoise, ou histoire littéraire de la France, 1742, S. 167, gekannt haben.
Und ein Schauer
Klopstock übermittelte die Verse Bodmer in einem Brief vom 26. Januar 1749 aus Langensalza (Klopstock Briefe 1979, Bd. 1, S. 34).
ἀγαθοὶ γὰρ
Beispiel aus griech. Sprichwortsammlungen. Übers.: »Männer, welche zum Weinen neigen, sind gut«.
zufällige Gedanken bey einem unsrer Freunde
[J. C. Hess], Zufällige Gedanken über das Heldengedicht, der Meßias. Veranlasset durch Herrn Georg Friedrich Meiers [...] Beurtheilung dieses Heldengedichtes, 1749.
Er, (Hr prof. Meyer) meldet mir
Brief Meiers vom 23. Dezember 1748 aus Halle an der Saale an Bodmer: »Sie sind so gnädig gewesen und haben mir die Critic wider H. S. Baumgarten überschikt, ich sage Ihnen dafür den verbindlichsten Danck. H. S. Baumgarten läßt sich Ew. Hochedelgebl. ergebenst empfehlen, und sich die Fortsetzung Ihrer Freundschaft ausbitten. Ich würde mich ungemein freuen, wenn durch meine Vermittelung zwey der größten und berühmtesten Gelehrten unserer Zeit in eine nähere Bekanntschaft geriethen. Er wird sich ehestens Angelegenheit machen des Messias in der Bibliothek zu gedenken. Beykommende Schrift wird Ihnen zeigen wie sehr mich der Messias gerührt und ob ich gleich gestehe, daß Ew Hochedelgebl. zu gefallen ich diese Blätter geschrieben, so muß ich doch sagen, daß dieses nicht der einzige Bewegungsgrund gewesen. Weil ich in dem andern Theil der Kritik nicht so häuffig Gelegenheit haben werde, des Messias zu gedenken, so hab ich lieber eine eigene Schrift aufsetzen wollen. Man muß die Deutschen gleichsam mit der Nase drauf stoßen, wenn sie die Schönheiten fühlen sollen. Vielleicht hat diese Schrift den Nutzen den ich wünsche. Ich habe Herrn Klopstoken ein Paarmal freundschaftlich getadelt. Das erste ist nur eine Kleinigkeit und ich kann mich auch geirrt haben. Allein bey dem andern Tadel des Abbadona wegen bitte ich mir Ew. Hochedelgebl. gedanken aus, ob Sie meine Empfindungen billigen.« (ZB, Ms Bodmer 4.15). Vgl. auch Meiers Notiz zu Klopstocks Messias in einem Brief vom 25. April 1749: »Herr S. Baumgarten, der sich Ihnen empfehlen läßt, hat dießes Gedicht auch in seinen Nachrichten von einer Hallischen Bibliothek angepriesen.« (ebd.).
Baumgarten den Messias
Siegmund Jakob Baumgartens Ankündigung des Messias in den Nachrichten von einer Hallischen Bibliothek, 1749, Bd. 3 (März), St. 15, S. 279 f. Baumgarten bezeichnete darin den Messias als »Meisterstück der Dichtkunst«.
Hn Frieß von Kyburg
Der 1707 geborene Jakob Frieß hatte seit 1741 die Pfarre Kyburg inne, bevor er 1749 Pfarrer in Winterthur wurde.
Vergobreten
Eine Standesbezeichnung unter den nordischen Völkern. Bodmer übernimmt sie wahrscheinlich von der Ende 1748 in den Neuen Beyträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes erschienenen Abhandlung Von dem Zustande der Druiden und Barden unter Occo dem andern, wo es u. a. heißt: »Die Vergobreten waren die Vornehmen und Grossen unter den Friesen. Diese hatten bey der Wahl neuer Eubagen [friesische Priester] sehr viel zu sagen, und oft kam es auf sie allein an, wer zu dieser Würde gelangen sollte.« (Bd. 4, St. 6, S. 466–490, hier S. 477 f.).

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann