Brief vom 21. Juli 1767, von Sulzer, J. G. an Bodmer, J. J.

Ort: Berlin
Datum: 21. Juli 1767

Aus dem Lande Moab den 21 Jul. 67.

Endlich mein theürester, genieße ich nebst meinen beyden von den Poken wieder geneseten Mädchen der gesunden Ländlichen Luft und was für mich noch mehr ist, der Ruhe und Stille, die mir so lange gefehlt hat. Die acht Tage binnen denen ich hier bin, haben schon so viel würkung auf mich gehabt, daß mein Kopf so leer ist, wie keines Landjunkers Kopf jemals gewesen. Die Unthätigkeit des Geistes schmekt mir auch so gut, daß ich würklich keiner Sache nachdenken kan. Mitten unter dem Donner der Canonen, welche Vermählungen und Verlöbniße unsrer Prinzeßinnen verkündigen, höre ich nichts, als das Geschrey meiner Hühner und das Schnattern meiner Endten. Die Leütchen sind doch würklich glüklich, die sich nie über eine anständige und unschuldige Sinnlichkeit erhoben haben.

Erwarten Sie, bey meiner Gegenwärtigen Gedankenlosigkeit keinen langen Brief, und auch in einem kurzen nichts gedachtes. Wenn unsre deütsche Kunstrichter so leer an denken wären, wie ich izt bin, so wäre noch Hoffnung ihnen einmal das wahre Licht der guten Critik mit Nuzen vorzuhalten. Aber sie haben sich in einen falschen Geschmak hinein gearbeitet und hineingedacht. Izt bringe sie einer wieder heraus! Sie fehlen Scientifice und demonstrative, von Hrn Kloz an, bis auf Weise herunter. Der Ton, den sie bey ihrem verworrenen Denken annehmen ist mir so anstößig, daß ich schon einigemal auf dem Punkt gewesen bin, die Feder zu ergreiffen. Aber die Vorstellung von der Unnüzlichkeit einer solchen Arbeit, hat mich immer wieder abgehalten.

Die schnelle Veränderung, die in dem Genffer Geschäfte vorgefallen ist, bestätiget mich in meiner Vermuthung, daß ein gewißer Man in Frankreich nicht recht gescheid ist. Aber gebe der Himmel nur, daß gewiße andre Leüthe, die nun allein ohne Hülffe eines höheren handeln, sich nicht auch verrathen, und izt, da sie die ersten sind, nicht noch schlechter handeln, als da sie die zweyten waren. Es ist nun darauff, daß man sich Geneve auf ewig kann verbindlich machen.

Was für seltsame Zeitungen von dem ehrlichen Rousseau gehen nicht in der Welt herum? Ich glaube sie seyen meistentheils von Volt. und seines gleichen erdacht und ausgestreüt. Unfehlbar ist Füßli Verfaßer sowol des Kupfertitels, als des Buchs für R. Ich habe es ihm blos aus einer annonce in der englischen Zeitung auf den Kopf zugesagt und ihn gebeten es mir zu schiken. Aber ich habe nun lange nichts von ihm gehört.

Den von Ihnen verbannten Müller hat man mir von Winterthur aus näher bekannt gemacht, und ich wünschte, daß es eher geschehen wäre, da es bey mir stuhnd ihm hier eine Stelle an dem K. Gymnasio zu verschaffen. Man hatte mir aber von seinen Studiis nichts gesagt und ausdrüklich versichert, daß er sich von den Studiis zu der Landwirthschaft begeben habe. Vielleicht könnte ich ihn noch anbringen, aber er müßte unverzüglich hieher kommen. Wenn dieses möglich zu machen ist, so helffen Sie mit dafür sorgen, das übrige nehme ich auf mich. Adieu.

JGS.

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 5a. – A: ZB, Ms Bodmer 13b.

Stellenkommentar

Vermählungen und Verlöbniße unsrer Prinzeßinnen
Auf Vermittlung Friedrichs II. heiratete am 25. Juli 1767 Prinzessin Luise von Brandenburg-Schwedt aus dem Haus Hohenzollern Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau im nicht weit von Sulzers Garten gelegenen Charlottenburg. Wilhelmine von Preußen, Nichte Friedrichs II., wurde am 4. Oktober 1767 in Berlin mit Prinz Wilhelm V. von Oranien, Statthalter der Niederlande, vermählt. Vgl. dazu Schönpflug Friedrich der Große als Ehestifter 2012.
Volt.
Voltaire.
Verfaßer sowol des Kupfertitels
[J. H. Füssli], Remarks on the writings and conduct of J. J. Rousseau, 1767.
verbannten Müller
Christoph Heinrich Müller (oder »Myller«) war wegen seines politischen Pamphlets Bauren-Gespräch aus Zürich verbannt worden und nach Preußen geflüchtet. Sulzer vermittelte ihm 1767 eine Stelle als Lehrer für Philosophie am Joachimsthalschen Gymnasium.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann