Brief vom 9. April 1760, von Bodmer, J. J. an Sulzer, J. G.

Ort: Zürich
Datum: 9. April 1760

Wie tief hat die vorsehung sie verwundet, theuerster Sulzer, welchen unersezlichen verlust haben sie erlitten! Wie ganz empfinde ich ihn mit ihnen! Wie sind sie zu bedauern, wenn sie ihren jammer nicht mit mehr stärke ertragen, als ich selbst einen gleichmässigen ertragen habe! Ich muß mich schuldig geben, daß erst die Zeit und der Ausgang mich auf die anbetung der immer wol ordnenden und es immer wol meinenden providenz zurükgeführt hat. Ich entdekte die gutthat, die mir durch das geschah, was ich unglük und verlust betitelte, erst durch späte betrachtungen, in welche societätische wirbel das leben meines sohnes mich verwirbelt haben würde, in geschäfte zu welchen ich schlechterdings ungeschikt bin, mit welchen die Ruhe des Körpers und des geistes nimmermehr bestehen können. Der Himmel vergebe mir meine thörigte ungeduld, die noch strafbarer dadurch ward, daß ich vergaß daß mein verstorbener in seligern gegenden und zu besserer gesellschaft gegangen war, von da ich ihn ohne Grausamkeit nicht zurükgenommen hätte. Wie gern will ich mich von Ihnen übertreffen lassen, daß sie ihren Trost nicht von dingen die ausser ihnen sind, nicht von Zerstreungen suchen müssen! Sie haben mir einmal geschrieben, daß in der allgemeinen Noth ihre eigene ihnen vorkömme, wie ein tropfen im Ocean. Ihr jammer ist sonst in tage gefallen, wo das schiksal thaten gebiehrt, die dazu bestimmt scheinen, daß sie ihre gedanken von ihrem leide auf sich ziehen. Nur wenn sie so schwach sind als ich war, so sind sie für dies alles gefühllos, und sehen sich selbst an, wie mit der dunkeln Erde vermengt, wie leblose materie, – das waren Empfindungen bey mir, und nicht bloß poetische Ausdrüke.

Wenn sie mich deßwegen verachten, so lassen sie mir nur mein Recht widerfahren. Ich unterwerfe mich ihren tadel, und vertraue ihrer großmuth, daß sie ihre theuerste Wilhelmine mit einer Mässigung beweinen, welche Ihnen bey ihr unter den höhern Geistern, mit welchen sie izt umgang hat, mehr Ehre machet, als ich meinem liebsten todten gemachet habe. Sie soll auf sie herabsehen ohne zu fürchten, daß ihr anblik durch seine unmässige Wehmuth etwas widriges in ihre himmlische Ruhe werfen möchte. – Aber wie wird die selige izt mit Mitleiden gewisse Arbeiten von meiner Muse ansehn, die sie in ihrem irdischen leben für etwas gehalten hatte! Ich hoffe doch daß sie in irdische augen nicht ganz nichtswürdig seyn, weil sie, als sie noch in dem Cörper war, Geschmak daran gefunden hat. Aber ich selbst habe seit einiger Zeit sehr klein von meinem Noah gedacht, und ich kann nicht ruhen bis daß ich ihm eine bessere gestalt gegeben habe. Hr. professor Kästner hat durch sein Epigramma dise gedanken nicht erst erweket, sondern nur vermehret.

Izt wollte ich ihnen, von dem Recueil des poesies du philos. de Sans S., von den Essais sur divers sujets de morale et de politique, von der Clementina, von der Electra, und dem Ulysses viel seltsame dinge sagen, wenn ich vollkommen vergewissert wäre, daß sie ihren Geschmak an disen sachen nicht zugleich mit dem staube ihrer geliebten und liebenswürdigsten begraben haben. Schreiben sie mir bald daß sie für ihre liebsten kinder, für ihre Freunde, für ihr wörterbuch, für die tage des friedens, des triumphes und der Ruhe, welchen wir so nahe sind, noch da sind, noch leben, noch fühlen. – Vielleicht hätte mein Ulysses nicht so natürlich geweint, wenn Bodmers Vaterherz nicht geblutet hätte.

Der Doctor Zimmermann von Bruk, dem ich die Electra geschikt, hat mir geantwortet, daß ich ihm unnöthiger weise eine falle geleget hätte, und daß er mir für die Electra des Euripides ungemein verbunden wäre. Aber es ist so fern, daß ich mir auf seine meprise etwas einbilde, daß ich vielmehr in meinen vorigen gedanken besteift werde, Hr. Zimmermann sey mit den griechischen tragicis, und überhaupt mit der tragischen Schaubühne schlecht bekannt.

Sobald Sie sich von der ersten betäubung wieder erholt haben, so lassen sie es ihren Künzli, Sulzern, Waser, Bodmern durch einige aufgewekte Zeilen wissen. Wir leiden so sympathetisch mit ihnen daß sie unser zu schonen dem Schmerzen Widerstand thun müßen. Der gute wakere Brunner hat mir herzlich geholfen, seine theure Tante, und noch mehr seinen liebsten Oncle beweinen. Ich werde den 6ten Mayens und folgende tage in Tös und Winterthur seyn, wo sie in allen unsern unterredungen mit seyn sollen. Der Dr. Geßner, mein schwager, ist izt amtmann in Tös. Ich umarme sie mit schwellendem Herzen.

Ihr ergebenster, um sie bekümmerter Freund und Diener Bo.

Z. den 9 April 1760.

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 12a.

Anschrift

A Monsieur Soulzer professeur tres célèbre presentt à Magdebourg.

Einschluss und mit gleicher Sendung

Bodmer, Electra und Ulysses (beide 1760).

Vermerke und Zusätze

Blatt an Siegelstelle abgerissen. – Nachtrag von Hans Kaspar Schulthess auf der Rückseite des gefalteten Briefes: »Recevez aussi mon cher, de ma part les sentiments de la plus juste compassion/ pr la douloureuse Perte que vous avez faite: Le ciel vous aide à la supporter./ Je suis entierement a vous G Sch.« (Übers.: »Empfangen Sie, mein Lieber, auch von meiner Seite die Empfindungen des aufrichtigsten Mitleids für den leidvollen Verlust, den Sie erlitten haben: Der Himmel helfe Ihnen, diesen zu ertragen. Ich bin gänzlich Ihrer G. Sch.«)

Eigenhändige Korrekturen

in tage gefallen, wo
in tage gefallen, die dazu wo
ich war, so sind sie
ich war, ⌈so⌉ sind sie
wollte ich ihnen, von
wollte ich ⌈ihnen⌉, von

Stellenkommentar

einen gleichmässigen
Bodmers Verlust seiner vier Kinder im frühen Alter. Der Tod seines einzigen Sohnes Hans Jakob im Alter von sieben Jahren traf Bodmer besonders schwer. Die Töchter, von denen keine das zweite Lebensjahr erreichte, trugen alle den Namen Esther. Vgl. Bodmer und Bodmer Bodmers Leben und Werke 1900, S. 16. – Largiadèr Ahnentafel Bodmers 1928.
Sie haben mir einmal geschrieben
Vgl. Brief letter-sb-1759-08-14.html.
das schiksal thaten gebiehrt
Die Ereignisse des Siebenjährigen Krieges, der um die Jahreswende 1759–1760 am heftigsten in Mitteleuropa tobte, und über dessen Verlauf sich Bodmer von Sulzer weiterhin Benachrichtigungen ausbat.
durch sein Epigramma
Vermutlich folgendes, im Dresdnischen Magazin, 1759, Bd. 1, St. 2, S. 127, erschienenes Sinngedicht: »So übel Gellert auch von seinem Liede spricht/ Gefällt doch Gellerts Lied, mit seinen Fehlern allen/ Und Bodmer zeigt: Mein Noah muß gefallen/ Und doch gefällt sein Noah nicht.« Zur scharfen Kritik Kästners an der Poetik der Schweizer, u. a. in Form von Epigrammen vgl. Kästner A. G. Kaestners Epigramme 1911, 152-166.
Recueil des poesies du philos. de Sans S.
1760 ließ Friedrich II., dessen literarische Werke seit 1750 unter dem Titel des »Philosophe de Sans-Souci« erschienen, eine neuere Gedichtsammlung veröffentlichen, ursprünglich bei Voß als Poésies diverses. Allerdings läßt die Erwähnung des längeren französischen Titels vermuten, dass Bodmer die Gedichtsammlung aus einem der vielen Nachdrucke kannte, z. B. Oeuvres du philosophe de Sans-Souci. 2de partie: Recueil de diverses pièces de poësie. Zur Druckgeschichte vor allem mit Blick auf die Vermischung von literarischen und kriegspolitischen Strategien vgl. Hildebrandt Unter Kriegsdichtern 2016.
Essais sur divers sujets de morale et de politique
G. L. Schmid, Essais sur divers sujets intéressans de politique et de morale, 1760.
Clementina, von der Electra, und dem Ulysses
Zu Wielands Clementina vgl. Brief letter-bs-1759-12-20.html. Zu Bodmers Dramenprojekten vgl. Brief letter-bs-1759-06-30.html.
hätte mein Ulysses nicht so natürlich geweint
Vgl. J. J. Bodmer, Ulysses, 1760, S. 46.
hat mir geantwortet
Vgl. J. G. Zimmermann an Bodmer, Brugg, 5. April 1760 (ZB, Ms Bodmer 6a.9): »Ew. Woledelgebornen haben mir unnöthiger Weise eine Falle geleget. Ich bin ihnen für die Electra des Euripides ungemein verbunden, und condolire ihnen wegen des mislungenen Schaffes. Auch von dem Ulysses werde ich nichts sagen. Mein Mistrauen ist mir zu verzeihen. Von Herrn Wieland will ich am liebsten das publicum und Ihn selbst reden lassen.«
für die Electra des Euripides
Erst 1759 war Sophokles' Elektra durch Johann Jacob Steinbrüchel ins Deutsche übersetzt worden. Das gleichnamige Drama des Euripides lag jedoch noch nicht in einer deutschen Übersetzung vor.
meprise
Übers.: »Irrtum, Missverständnis«.
Brunner
Zu Sulzers Neffe Salomon Brunner vgl. Brief letter-sb-1759-10-16.html.
Der Dr. Geßner
Vgl. Brief letter-bs-1759-12-20.html.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann