Brief vom 6. Dezember 1746, von Bodmer, J. J. an Sulzer, J. G.

Ort: Zürich
Datum: 6. Dezember 1746

Zürich den 6 Christmonat 1746.

Wehrtester Herr und Freund.

Ich habe gestern in einer Balle Hn Eschers im Wollenhof ein päkgen an Sie abgeschikt und Hn Joh. Conrad Kitt in Leipzig an sie zu bestellen adressirt, darinnen sind meine Gedichtgen und etliche zeitungen für Sie und andre freunde, wie der dabey gelegte brief zeiget. –

Ich zweifle nicht sie haben von der Michelismesse die critischen Briefe wol erhalten. Aber ich stehe in einer ängstlichen ungewißheit ob Hr. von Hagedorn die Sachen empfangen die ich ihm auf die Oster- und die Michelismesse übersandt habe. Es waren Pantheen; vom natürlichen in schäfergedichten, [→]Esame critico del Solio, lettere discorsive del Botazoni; piacevoli rime di Vettori; Omero di Salvini, Critische Briefe, p. Ew. E. thäten mir einen großen Gefallen, wenn sie Gelegenheit suchten an Hn von Hagedorn zu schreiben, und ihm meine Unruhe wegen Empfanges dieser Schriften meldeten, damit er mir durch sie je ehender je lieber aus diser verdrußlichen Sorge hälfe.

Ich schreibe Ihnen weitläuftig in den briefen die mit meinen Gedichtgen gepaket sind. Ich schreibe auch Hn Langen mit ziemlicher Freiheit. Also bleibt mir dißmal wenig übrig.

Es fehlt mir zu des sel. Pyra Weltbürger das eilfte und das zwölfte blatt. Sie sind bei Hauden gedrukt; ist es nicht möglich sie noch zu bekommen? Von Hn Kleist kenne ich keine Gedichte, es wäre denn daß das Lob der Gottheit in den belustigungen, das anfängt: Tausend Heere des Gestirns – – und die Ode, Flucht aufs Land; fern von der Stadt, die mich zur Welt getragen, Hn Kleist zum Verfaßer haben.

Der Magister Kästner will nicht nur ein poet und Criticus sondern auch ein Metaphysicus und Mathematicus seyn. Ich kan mir selber sagen, daß er ein prosaischer Poet, und ein unbefestigeter Criticus ist, aber ich wollte gern von ihnen vernehmen, wie gründlich er denke und rechne. Ich sehe keine hoffnung, daß Hr. Obmann Landolt seinem Sohn einen Mentor zugeben werde. Er will ihn seiner eigenen Aufsicht überlassen, und eine probe machen lassen, wie er sine cortice natare, und mit der großen Welt fortkommen könne. Izt fraget sich, ob auch einer allein, oder zweene bey Hn Euler Tafel, Zimmer und übrige Gelegenheit haben können per Reichsthlr 250 jegliche person, item ob sie die ⟨Condition⟩ oder pension auf ein ganzes Jahr Halten müßen, oder ob sie nach ihrer Gelegenheit alle Monathe Abschied machen können. Dise Herren wollen sich auf keine längere Zeit als einen Monath binden lassen. Ich verbleibe beständig

Euer ergebenster Dr.
Bodmer

P. S. Wie kommt es daß die Journalisten und Kunstrichter von dem Sittenmaler so stille sind. Ich hatte gedacht, daß man wenigst verdiente getadelt zu werden. Vielleicht sind mir ihre Urtheile nicht zu gesichte gekommen. Aber auch meine Freunde urtheilen nicht davon, ni en bien ni en mal, als ob sie fürchteten, daß ich weder ihr Lob, noch ihren Tadel ertragen möchte. Hr. Lange hat mir drey briefe geschrieben ohne daß er ein Wort davon gedenke. Doch habe ich Ihm durch Hn Orell ein Exemplar zustellen lassen. Ich zweifle bald ob ers empfangen habe. Es ist ein unglük daß meine Freunde die Sachen so ich ihnen schike, so unrichtig erhalten, da mir hingegen alle ihre sachen auf das richtigste überbracht werden; ausgenommen daß ich kein Stük der freundschaftlichen Briefe empfangen habe. Der Hr. Dr. Schwarz, der mich mit dem wakern Hr. Bachmann mit einem Besuche beehret, hat mir viel gutes von dem Hr. Sucro, dem Verfaßer der besten Welt gesagt. Ich bitte mich ihm zu empfehlen. Ich habe in den Belustigungen etwas von dem Hn Spalding von der lust zu verleumden gelesen. Auch disem bitte meine Empfehlung.

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 12a.

Anschrift

Herrn J. Georg Sulzer Ministre du S. Evangile prest. à Magdeburg recomandirt au Herr Johann Conrad Kitt bey Hr. Heinrich Wilhelm Bachmann in Leipzig.

Eigenhändige Korrekturen

denn daß das Lob der Gottheit
denn ⌈daß⌉ das Lob der Gottheit
Hn Spalding von der lust
Hn Spalding und von der lust

Stellenkommentar

Pantheen
[J. J. Breitinger], Beurtheilung der Panthea, eines sogenannten Trauerspieles der Frau L. A. V. G. nebst einem Vorberichte für die Nachkommen u. einer Ode auf den Namen Gottsched, 1746. Zu Breitingers Kritik an der Panthea der Gottschedin, der er jegliche Tragödienqualität absprach, vgl. Schönenborn Tugend und Autonomie 2004, S. 65–67.
vom natürlichen in schäfergedichten
[J. A. Schlegel], Vom Natürlichen in Schäfergedichten, wider die Verfasser der Bremischen neuen Beyträge verfertigt vom Nisus einem Schäfer in den Kohlgärten einem Dorfe vor Leipzig. Zweyte Auflage, besorgt und mit Anmerkungen vermehrt, von Hans Görgen gleichfalls einem Schäfer daselbst, 1746. Mit Hans Görgen ist Johann Jakob Breitinger, der die Schrift herausgab, gemeint.
Esame critico
G. Salio, Esame critico, 1738. – P. F. Bottazzoni, Lettere discorsive, 1733. – V. Vettori, Le piacevoli rime, 1744. – A. M. Salvini, Opera d'Omero, 1742.
zum Verfaßer haben
Das Gedicht Lob der Gottheit stammt von Ewald Christian von Kleist und beginnt mit der Zeile »Tausend Sternenheere loben meines Schöpfers Macht und Stärke«. Die Flucht aufs Land wurde von Johann Joachim von Kreuzberg verfasst und erschien in den Belustigungen des Verstandes und Witzes, Februar, 1744, S. 151–157.
Magister Kästner
Zu Abraham Gotthelf Kästner, der sowohl als Dichter als auch als Mathematiker wirkte vgl. Baasner Abraham Gotthelf Kästner 1991. Über Kästner schrieb Lange in einem Brief an Bodmer vom 14. April 1746: »Die Gottschedische Seite herrscht in Leipzig, ohnerachtet Gottsched gefallen ist. M. Kästner ist das zweyte Haupt dieser Elenden.« (ZB, Ms Bodmer 4.2).
ni en bien ni en mal
Übers.: »weder im Guten noch im Schlechten«.
Hr. Dr. Schwarz
Der Magdeburger Kaufmann und spätere Tabakhändler Philipp Christian Schwartz war ein guter Bekannter Heinrich Bachmanns d. Ä. und ein Freund Sulzers. Schwartz wurde 1747 Bürgermeister der Pfälzer Kolonie in Magdeburg.
Hr. Sucro
[Johann Josias Sucro], Die beste Welt, 1746.
in den Belustigungen
J. J. Spalding, Gedanken über die Verleumdung und die Spötterey. In: Belustigungen des Verstandes und Witzes, März 1742, S. 270–281. Zu Spaldings Aufsatz vgl. Raatz Aufklärung als Selbstdeutung 2014, S. 113–121.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann