Brief nach dem 20. April 1751, von Sulzer, J. G. an Bodmer, J. J.

Ort: Berlin
Datum: nach dem 20. April 1751

Mein werthester Herr und Freünd.

Ich erwarte nun mehr ihr Portrait mit eben der Ungeduld, mit welcher ich irgend einem andern Freünd, der mich in Person besuchen wollte, entgegen sehen würde. Schon habe ich alle hiesige beaux esprits eingeladen, daß sie kommen sollen einen Theil von Bodmers Person zu sehen. Mein Closet wird mir angenehmer werden, als der schönste Lustgarten; denn ich sammle die Schatten meiner Freünde und die besten Gegenden meines Vaterlandes um mich herum. So bin ich in der größten Entfernung Mitte unter meinen Freünden und in meinem Land.

Es ist mir sehr angenehm, daß Sie meine flüchtigen Anmerkungen über den Noah nicht verachtet. Dieses ermuntert mich meine Gedanken über dieses Werk Ihnen ferner Mitzutheilen. Es macht mir eine rechte Freüde, daß Sie noch immer arbeiten dieses Gedicht vollkomner zu machen, weil Sie sich dadurch mehr Leser erwerben. Ich bin gänzlich ihrer Meinung, daß die Reden ihrer Personen dogmatisch seyn müßen. Aber da die Personen eines Gedichts Leüte sind, die in ihrer ordentlichen Sprache so reden, wie die Geschiktesten Menschen nach langer Überlegung reden, so müßen ihre Reden auf das beste ausgearbeitet seyn. Die schönsten Bilder und Poetische Ausdrüke müßen Ihnen nichts kosten. Wenn Sie die poetische Sprache in die Langen Reden hineinbringen, so wird das Gedicht vollkommen seyn. Ich sage dieses nicht, daß ich Ihnen etwas lehren wollte; sondern deßwegen, weil ich gerne viel mit Ihnen spreche, denn so lange ich schreibe dünkt mich ich spreche vor ihnen, und laße also diese angenehme Täuschung lange währen.

Über die Gemälde der Arche sage ich noch ein Wortchen. Im Meßias sind es Nebensachen, aber im Noah sind es Nebensachen der Nebensachen. Sie können Klopstoken ohne dieses genug ehren. Die wenigen Zeilen, Ich selbst hörte ihn singen p. und was vor und nach geht, ist die angenehmste art den Dichter zu ehren.

Ihre Ode, womit sie Kl. zurükruffen würde bey mir so verwahrt seyn, als wenn sie in ihrem SchreibePult verschloßen läge. Ich bitte Sie recht sehr, mir dieses Stük nicht vorzuenthalten.

Ich habe von Klopstok aus hiesigen Gegenden gar nichts gehört, als daß ich weiß, er habe sich einige Tage in Leipzig aufgehalten.

Sie verlangen doch nicht, daß man den Verfaßer der Sündfluth für einen andern halte, als den Verf. des Noah? Die zwey ersten Gesänge erweken mir eine Heftige Begierde das ganze Gedicht zusehen. Die Sprache dünkt mich beynahe poetischer, als im Noah. Warum glauben Sie denn, daß ich aus Überlegung vom Jacob und Joseph Stillgeschwiegen? Ich halte es freylich nicht so hoch, als den Noah oder die Sündfluth, aber ich schäze es dennoch sehr werth. Es scheint Sie haben gewußt, daß es meiner Liebsten vorzüglich gefallen würde, da Sie es ihr geschikt. Es gefällt ihr in der That sehr wol. Ich kann Ihnen aber jezo nichts besonderes davon sagen, weil ich es seit ziemlicher Zeit einem Freünd auf das Land geschikt von dem ich es noch nicht wieder

Mit den Anmerkungen von Hrn. Hofpr. Sak möchte es sich ein wenig verziehen, er ist diesmal mit arbeit sehr überhäuft. Dem Hrn. v. Kleist gefällt die Sündfluth sehr wol.

Der Hr. v. Hag. hat doppelt unrecht Ihnen von Gleim nachtheilige Sachen zuschreiben. Erstlich deßwegen, weil er ihn von Person nicht kennt und Hernach weil solche Sachen nicht anders als falsch seyn können, so bald sie auf etwas mehr, als auf bloße Unarten in Manieren und Sitten gehen. Gleim hat im Grund einen estimablen Charakter, aber in seinen Manieren hat er viel wildes, ausgelaßenes und unangenehmes. Er hat sich jezo mit den Braunschweigern ganz verbrüdert und scheinet darüber seine alten Freünde zu vergeßen. Wenigstens habe ich dies Jahr noch keinen Brief von ihm bekommen.

Ich übersende Ihnen durch die Meßleüte nebst dem Jahrgang der Crit. Nachrichten Melmouths Briefe (denn so heißt der wahre Verfaßer davon) dafür Sie mir dank wißen werden, wenn Sie Ihnen nur die Hälfte von dem Vergnügen machen werden, das sie mir gemacht haben.

Ich habe bey Gelegenheit meiner Theorie der Angenehmen Empfindungen einige Anmerkungen gesammelt, die ich dort nicht habe können schiklich anbringen. Es gäbe Materie zu ein paar Critischen Briefen. Vielleicht samle ich einmal ein Bändchen solcher wie auch moralischer und Philosophischer Briefe, um Sie herauszugeben. Hr. Gellert soll diese Meße auch solche druken laßen. Dieser Brave Man hat endlich ein Profeßorat erhalten.

Ich habe [→]Ramlern aufgemuntert die Cours de belles lettres zu übersezen oder vielmehr nach deßelben Grundlage ein solches Werk in deütscher Sprache zu machen. Er wird daran arbeiten, so bald es ihm seine Liebe zur Bequämlichkeit wird zulaßen.

Klopstok muß sehr unzufrieden auf mich seyn. Er hat von Braunschweig aus an Ramlern geschrieben ohne meiner zugedenken.

Jezo habe ich ihr leztes Schreiben und die Exempl. von Jacob und Joseph bekommen, dafür ich Ihnen – Nein ich sage lieber nichts; denn alle meine Briefe enthalten blos kahle Versicherungen, daß ich Ihnen verbunden sey und dies klingt schon so alt, daß ich es lieber in der That seyn, als es sagen will.

Dieses Gedicht enthält einige Meisterhafte Charakteren; die Geschichte der Asnat hat uns ein unbeschreibliches Vergnügen gemacht, und die dem wahren Gott dienende Familien in Egypten thun eine sehr schöne Würkung. Ich verstehe doch die Zeilen recht,

[→]Von ihr gelehrt – Will ich dem frommen Verlangen p

wenn ich sie einigermaßen, als ein Versprechen ansehe, das Sie thun, diese Geschichte auf eben diese art zu bearbeiten.

Ich wünsche herzlich, daß die Ruhe ihr Haus ferner umzäune, denn ich erwarte von ihren Gedichten große Würkungen, wo nicht jezo, doch in künftigen Zeiten. Ich hoffe, daß dadurch die Hohen Empfindungen der Frömmigkeit und der Religion und der ernsthaft fröhlichen Tugend den Menschen so familiär seyn werden, als die Bilder des Horaz oder Homers.

Ich habe in diesem neüen Gedicht einige Verse bemerkt, die dem Wolklang nach recht Virgilianisch sind, und die zeigen, was man in unsrer Sprache thun kann, wenn man sich Mühe giebt. Z. E.

Alle die Längen von Jahren, die zwischen die Tage getreten p.
Diese geseegneten Blike, wol wehrt sie so zu erkauffen p.
Zu ihm spornt mich mein herz, damit ich noch einmal ihn sehe p.
O wie Lang hat mein Auge nicht mehr dein Antzliz gegrusset.

Ich schike Ihnen zum Spaß eine recension der Sündfluth aus der Frankf. Zeitung. Man hat mir geschrieben, daß ein gewißer Neüman sie gemacht; dies könnte aber wol der Bauzner Nauman seyn.

Ich ärgere mir über die Dummheit Deütschlands und habe bey nahe die Hoffnung verlohren, daß ich es erleben werde, den guten Geschmak darin herrschen zu sehen. Mich dünkt die Deütschen, die ihn haben sind zu träge und zu flegmatisch ihn auszubreiten. Man fühlt und lobt das schöne in dem mans ließt, aber so wie es aus dem augen ist, ist es auch aus dem Sinn. Ich habe Leüte gesehen, die verschiedenes mit Entzükung gehört, und hernach niemals wieder davon gesprochen.

O! wie sehr wünschte ich Sie auf ihrer Reise nach dem Appenzellerland begleiten zu können! Diese Vorstellung versezt mich auf einmal nach der Schweiz, oder mich dünkt viel mehr, daß ich erst vor wenig Tagen von ihnen verreißt sey. Ich wünsche, daß Sie aufgeräumt genug seyn, die Gedanken und Empfindungen, die diese Reise veranlaßen wird aufzuschreiben und mir mitzutheilen. Es vergeht beynahe kein Tag, daß ich nicht mit meiner Liebsten von einer künftigen, wie wol noch um einige Jahre entfernten Reise nach Ihnen spreche. Der Himmel gebe, daß wir Sie noch gesund und munter antreffen.

Was Sie mir den Kl. betreffend geschikt haben, soll bey mir so verwahrt seyn, wie etwas das ich ganz vergeßen. Wie sehr verschieden sind die Gesinnungen die seine Briefe zeigen von denen, die seine Aufführung in Zürich gezeiget hat!

Hr. Ramler hat Kleists Frühling umgearbeitet, und mit mehr wolklang und einer Menge sehr angenehmer Bilder und Beschreib. vermehret. Er ist willens dieses Werk druken zu laßen. Ich bin nicht weit von dem Urtheil ihrer Kunstrichter entfernt, die meinen, daß Kleist ofte an das schwülstige gränze. Und daß in Hag. Gedichten, in Hallers, oder wenn Sie gar wollen in Horazens Satyren wenig Poesie sey, will ich auch gar nicht abstreiten. Hagedorn hat wie mich dünkt den Beyfall hauptsächlich der Leichtigkeit, u Gleichheit seiner Gedichte und dem reinen Vers zu danken. Ihre Gedichte haben einen solchen Vorrath von angenehmen Bildern, von starken Gedanken, von kräftigen und kühnen ausdrüken von rührenden Scenen u. d. gl. daß man darüber leicht unsre andern Poeten vergeßen würde, wenn man nicht bisweilen sich an harten Versen, oder unausgearbeiteten Stellen stoßen würde.

Ich bin daher ungemein über die Nachricht erfreüt, daß Sie den Noah noch immer mehr ausarbeiten. Ich habe schon daran gedacht, daß man, wofern dies Gedicht nicht so durchgehends sollte aufgenommen werden, wie es verdient, müßte ein kleines Bändchen von lauter ausnehmenden Stellen sammlen um den Leüten zu zeigen, was für ein Gedicht sie mit Kaltsinnigkeit ansehen. Ich getraute mir allein aus Jacob und Joseph ein paar duzend Stellen vorzulegen, dagegen das allermeiste, was die deütschen Dichter sonst geschrieben haben, wäßrig und schwach ist.

Erlauben Sie mir mein werther Freünd nur noch eine Anmerkung über den Noah zu machen, der ihr Theologisches System angeht. Es scheinet, als wenn Sie darin den Seelenschlaff annehmen. Von den gottlosen sagen sie es mit klahren worten, und die Klage, die Syphas Töchter bey seinem Grab führen, da es unter anderm heißt „schlaffe eine lange Nacht von Jahrhunderten p.” scheinet eben dieses anzuzeigen. Denn wenn man dieses nur von dem Leib verstehen soll, so klingt es in meinen ohren etwas fade. Hingegen sind Adam und Lamech lebend im Himmel.

Aber werde ich Ihnen mit meinem Geschwäze nicht endlich verdrießlich fallen. Alles was ich hier schreibe, soll Ihnen nicht meine Geschiklichkeit von Werken des Geschmaks zu urtheilen zeigen, (denn diese Maaße ich mir nicht an, in dem ich bloß mechanisch nach meinen unüberlegten Empfindungen spreche,) sondern die Lust die ich habe mit Ihnen zu sprechen, und diese zeüget von meiner Freündschafft.

Hr. Escher soll mir bestens empfohlen seyn, weil Sie es thun. Er ist noch nicht hier. Ich habe aber schon Briefe für ihn liegen. Ich muß Ihnen sub rosa sagen, daß ich hier noch wenig junge Züricher gesehen, die man produciren dörffte. Denn entweder sind sie noch gar zu rohe und haben nicht einmal das gute aus den Sitten und Manieren ihres Vaterlandes mit sich hergebracht, oder es sind Leüte, die zwahr Manieren haben, aber sich weder um Sitten noch Geschmak noch gründliche Erkenntniß bekümmern. Ich glaube Sie kommen gar zu Jung her, und wie Sie insgemein den Deütschen verkehrte Begriffe von der Schweiz geben, so werden sie auch gewiß solche von den frömden Ländern mit nach Hause bringen.

Ich verharre mit der zärtlichsten Hochachtung

Ihr ergebenster Dr.
Sulzer

Im Aprill und May 51.

Die berlinische Bibliothec und Saks Vertheid. des Christl. Gl. bitte Hrn. Ch. Zimmerman zustellen zulaßen.

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 5a. – A: ZB, Ms Bodmer 13a.

Datierung

Nach dem 20. April 1751 und bis in den Mai hinein entstanden.

Einschluss und mit gleicher Sendung

Ein Exemplar der Berlinischen Bibliothek (vermutl. Jg. 1750). – A. F. W. Sack, Vertheidigter Glaube der Christen für Johann Jakob Zimmermann.

Eigenhändige Korrekturen

mich in Person besuchen
mich ⌈in Person⌉ besuchen
ich aus Überlegung
ich mit aus Überlegung
an Ramlern geschrieben
an michRamlern⌉ geschrieben
Deütschen, die ihn haben
Deütschen, ↑die ihn haben
Hagedorn
Ich sage aber diese Poeten insonderh. Hagedorn haben in Hagedorn
Ihre Gedichte
Ihre neüern Gedichte

Stellenkommentar

einem Freünd
Nicht ermittelt, vielleicht Georg Friedrich von Arnim in Suckow.
noch nicht wieder
Satz bricht nach diesen Worten auf der Seite ab und wird nicht fortgeführt oder abgeschlossen.
von Gleim nachtheilige Sachen
Entsprechender Brief F. v. Hagedorns an Bodmer nicht ermittelt.
Gellert soll diese Meße
Gellerts Briefe, nebst einer Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen erschien 1751 bei Wendler.
endlich ein Profeßorat
Gellert wurde 1751 zum außerordentlichen Professor für Philosophie an der Leipziger Universität ernannt.
Ramlern aufgemuntert
Ramler übersetzte Batteux' Cours de belles lettres (1747) und publizierte diese als vierbändige Einleitung in die schönen Wissenschaften 1756–1758 im Verlag Weidmanns Erben und Reich. Weitere Auflagen folgten.
an Ramlern geschrieben
Klopstocks gemeinschaftlich mit Gleim, Zachariae, Ebert, Gärtner und Giseke verfasster Brief vom 27. März 1751 an Ramler (Klopstock Briefe 1985, Bd. 2, S. 17).
Geschichte der Asnat
Asnat, im Alten Testament die Frau Josephs und somit auch Figur in Bodmers Jacob und Joseph.
Von ihr gelehrt
Vgl. [J. J. Bodmer], Jacob und Joseph, 1751, S. 87, Vers 590.
recension der Sündfluth
Die Rezension Die Syndflut ein Reim-Loos-Gedicht erschien in dem Frankfurter Wochenblatt Critischer Sylphe, St. 32, 20. April 1751, und stammt von Christian Nicolaus Naumann, der Bodmers Gedicht hier u. a. als »lächerlich«, »pedantisch« und »Possen« abtat. Zudem warf Naumann Bodmer vor, dass er »Klopstock mit schweizerischem Zwange nachahm[e]«. Im Mai 1751 erschien auch Lessings Besprechung von Jacob und Joseph und der ersten zwei Gesänge der Syndflut in Das Neueste aus dem Reich des Witzes.
Ramler hat Kleists Frühling
[E. C. v. Kleist], Der Frühling, ein Gedicht. Nebst einem Anhang. Neue verbesserte Auflage, 1752.
Seelenschlaff
Seelenschlaf, eine Bezeichnung für den Glauben, dass die Toten bis zur Auferstehung nur schlafen und dabei nicht bei Bewusstsein sind. Wie schon in früheren Zeiten (Tertullian, Luther, Calvin) gab es auch im 17. und 18. Jahrhundert kontroverse Debatten darüber. In England formierten sich mit Milton, Hobbes und Newton Anhänger des Mortalismus, die die Unsterblichkeit der Seele ablehnten.
sub rosa
Übers.: »unter dem Siegel der Verschwiegenheit«.
berlinische Bibliothec
Die von Johann Carl Conrad Oelrichs herausgegebene Berlinische Bibliothek, worinnen von neu heraus gekommenen Schriften und andern zur Gelahrtheit gehörigen Sachen kurze Aufsätze und Nachrichten mitgetheilet werden erschien 1747 bis 1750.
Vertheid. des Christl. Gl.
Eingeschlossen war vermutlich auch ein Brief Sacks an Johann Jakob Zimmermann vom 8. Mai 1751 (vgl. Pockrandt Biblische Aufklärung 2003, S. 333). Mit seiner in mehreren Aufsätzen erschienenen, apologetischen Schrift Vertheidigter Glaube der Christen, 1748–1751, stellte sich Sack einem allgemeinen Verfall des kirchlichen und religiösen Lebens entgegen.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann