Brief vom 1. Dezember 1763, von Bodmer, J. J. an Sulzer, J. G.

Ort: Zürich
Datum: 1. Dezember 1763

Mein theuerster Freund.

Wie sehr ich meine Amanuenses anspornete, hette ich beynahe die Zeit verlohren, da die Meßfuhren nach Leipzig verreisen. Kaum konnte ich die Abschrift flüchtig genug mit dem Autographo vergleichen. Wenn sie eine ungleichheit in der Orthographie bemerken, so ist die schuld der verschiedenen Abschreiber. Ich denke aber, jeder gute sezer werde sich dießfalls selbst helfen können. Ich verlaße mich zugleich auf den Corrector. Wo man anstehen möchte, wie ein Wort sollte gelesen werden, wird man sich mit der gedrukten ersten Auflag schon helfen können.

Dise fehler machen mir weniger Mühe als die poetischen sünden. Ich hoffe sie nehmen die arbeit auf sich, daß sie das stük sorgfältig überlesen. Ich habe zwey Exemplare, die gegenwärtiger Abschrift ganz gleich sind. Sie dörfen mir in wichtigen Stellen nur das Verbrechen anzeigen, damit ich durch die post darauf antworte. Aber in kleinen dingen, wo nur ein Wort beßer gegeben werden kann, da gebe ich ihnen volle Macht. Seyen sie mein Aristarchus.

Ich halte für unnöthig daß die Verse numerirt und ausgezeichnet werden. Die Edition werden sie wol in Octav und so veranstalten, daß der Hexameter auf die Zeile geht. So lang die Maxime bey den kunstrichtern und Journalisten herrschet, daß man in den fremdesten und ältesten geschichten das Costume unserer nation und die meinungen unserer leser zu rath ziehen müße, so lang wird die Noachide verworfen bleiben. Auch denjenigen muß sie nothwendig mißfallen, die von heftigem und stürmendem Temperament sind, und immer schäumende und brausenden Empfindungen haben wollen; die doch der Betrachtung und dem Genuße des Schönen nur nachtheilig sind, weil sie zu kurz dauern. Ich verspreche mir kein lob von sehr flammenden, sehr flüchtigen köpfen, die das Gefühl, und den Genuß des schönen eben so wenig als den Genuß ihrer selbst und das wahre vergnügen in der Ruhe des geistes und des körpers suchen. Ich hoffe doch daß sie das publicum in ihrem Wörterbuch über disen punkt beßer werden denken lehren, als es von den Journalisten nicht gelehrt wird.

Im zwölften gesang s. 3. sind mir Reime entfallen

– der sündflut Entflohne
– vor dem ewigen throne

und s. 30. z. 3. laße ich den Sem von dem Engel beym Haupthaar faßen. Dergleichen Aergerniße mögen mehr vorkommen, ich gebe ihnen darüber volle gewalt.

In meiner vierten Ilias hab ich Nestor den alten Pferde bezähmer genannt. Die Nicolaiten haben gesagt, warum ich nicht den tapfern Alten gesagt habe, Homer habe doch nur dieses sagen wollen. Wenn Homer nur dieses hat sagen wollen, so will ich auch nichts mehrers sagen. Vermuthlich sind in der Noachide auch dergleichen mahlende beywörter, aber dise wolle ich nicht gern der Critik aufopfern. Ich hoffe Herr Füßli werde ihnen seine und in der ausbildung und ausmahlung diser dingerchen feine Dienste nicht versagen.

den ersten Xber 1763.

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 12b. – A: ZB, Ms Bodmer 20.9–11, 13a.

Einschluss und mit gleicher Sendung

Abschrift der Noachide.

Vermerke und Zusätze

Vermerk Sulzers am oberen rechten Rand der ersten Seite: »1 Dec. 63.«

Eigenhändige Korrekturen

sind mir Reime
sind ⌈mir⌉ Reime
werde ihnen seine und
werde ihnen ⌈seine⌉ und

Stellenkommentar

die Abschrift
Nach Fertigstellung seines Epos Die Noachide ließ Bodmer Sulzer eine vollständige Abschrift der Fassung über die Leipziger Neujahrsmesse zukommen.
der gedrukten ersten Auflag
Bodmers Anmerkung ist missverständlich, da die Textfassungen von Der Noah (1752) und Die Noachide grundverschieden sind.
mein Aristarchus
Nach Aristarchus von Samothrake, griechischer Philologe, der besonders für seine strenge Textkritik bekannt war.
das Costume unserer nation
Das Gebräuchliche, Übliche und Charakteristische der jetzigen Gesellschaft.
zwölften gesang s. 3.
Bodmer Die Noachide 1765, S. 324.
s. 30. z. 3.
Ebd. S. 349.
In meiner vierten Ilias
Bodmer Vierter Gesang; und Sechster Gesang der Ilias 1760, S. 317.
Die Nicolaiten haben gesagt
Vgl. die anonym verfasste Rezension zu Bodmers Vierter und sechster Gesang der Ilias. In: Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste 8, 1762, S. 303–323. Die erwähnte Stelle zu Nestor findet sich auf S. 315.
ausbildung und ausmahlung diser dingerchen
Vgl. Brief letter-sb-1763-11-16.html und Kommentar zu Brief letter-sb-1764-02-07.html.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann